Was hören wir, wenn wir nichts hören?
Cornelius Lange

Auf diese Frage hat der Komponist John Cage eine verblüffende Antwort gegeben; ein Musikstück. Er nennt sein Werk schlicht Silence 4'33". In ihm fasst Cage seine Erfahrungen zusammen, die er in einem schalltoten Raum gesammelt hat, um den Begriff der Stille physikalisch zu ergründen. Cage kam zu der Erkenntnis, dass es dem Menschen nicht möglich ist, Stille zu hören. Wir hören immer etwas, die eigenen Körpergeräusche wie Atmung und Herzschlag zum Beispiel. Stille im Sinne der Abwesenheit jeglicher Geräusche ist eine ideelle Vorstellung. Alles ist Klang

Silence 4'33" besteht aus drei Sätzen und kann auf beliebigen Instrumenten interpretiert werden; der oder die Musiker dürfen sie aber nicht spielen. Was hört also das Publikum? Nichts? Oder Stille? Die Hörer nehmen Geräusche wahr, die üblicherweise nicht als Musik gelten: Husten, Rascheln, Autoverkehr, Stuhlknarren, Geflüster, Hundegebell. Das Musik-fremde wird zum musikalischen Inhalt.
Inspiriert zu Silence 4'33" wurde Cage von Robert Rauschenbergs weißen Leinwänden, die nur vordergründig nichts zeigen und inhaltslos erscheinen. Ganz im Gegenteil sind diese Bilder voller Strukturen und Informationen.

Was sehen wir, wenn wir nichts sehen?

Auf diese Frage gibt der Maler Holger Schmidhuber eine verblüffende Antwort: „Wir sehen nicht Nichts. Wir sehen immer etwas.“ In seinen Bildern stellt er die visuellen Eindrücke einer selbst gewählten Blindheit hinter geschlossenen Augenlidern dar. Diesem Zustand, dem „Unsehbaren“, wie Schmidhuber es nennt, gibt er mit seiner Malerei eine Form, einen Ausdruck. Seine Bilder sind aber nicht schwarz und leer und finster wie man zunächst vermuten würde, sondern spiegeln eine Farbwelt, Materialität und Perspektive wider, wie er sie hinter seinen gesenkten Lidern sieht.
Das „Unsehbare“ hält Schmidhuber zunächst in Skizzen fest. Es kann ein einziger Eindruck sein, oder wie neuerdings, eine Serie von Eindrücken, die er in einem Bild verarbeitet; zum Beispiel die Farben, denen er im Laufe eines Tages bei seinen Exkursionen in das „Unsehbare“ begegnet.

Die Zerstörung des Monochromen ist das Risiko für das Gemälde

Zur Umsetzung wendet Schmidhuber eine Art Sandwich-System an: zuerst trägt er Ölfarben auf, ein Gemälde entsteht. Dann folgen in einer zweiten Schicht Pigmente und andere zu Pulver gemahlene Materialien, zum Beispiel Edelstahl oder Glas. Sie werden auf das Gemälde gesiebt. So entstehen die Oberflächen mit dem seidig-weichem Flair, der changierenden, kristallin-edlen Anmutung. Dann folgen die Öffnungen, die die Ölfarben der ersten Schicht stellenweise freilegen. „Das Monochrome ist anziehend, erfüllt mich als Maler aber nicht. Indem ich kratze, zerstöre ich die Idylle“, sagt Schmidhuber und in der Tat wirken die Öffnungen oft wie Einschnitte und Trennungen, wie Irrlichter oder Linien ohne Ziel, verleihen den Arbeiten aber Tiefe und Volumen, und eine hintergründige, fragile Zartheit. Vorher herrscht absolute Reinheit, Vollkommenheit – ein idealer Farbeindruck, ein Anblick, den Schmidhuber den Betrachtern seiner Werke aber vorenthält. Erst durch die Öffnungen entblößt Schmidhuber seine Bilder und gibt den Blick auf Verborgenes, auf Intimes frei.